Weitere Modelle — wenn fünf Phasen nicht passen
Die Forschung zeigt: Trauer verläuft selten so geordnet, wie das Fünf-Phasen-Modell vermuten lässt. Mehrere wissenschaftliche Modelle ergänzen oder ersetzen es deshalb.
Die 4 Phasen der Trauer nach Verena Kast
Die Schweizer Psychologin Verena Kast beschreibt vier Phasen: Nicht-wahrhaben-Wollen, aufbrechende Emotionen, Suchen und Sich-Trennen sowie ein neuer Selbst- und Weltbezug.
Ihr Modell betont stärker die emotionale Verarbeitung und das innere „Suchen" nach der verstorbenen Person — etwa über Erinnerungsorte, Träume oder Rituale.
Die Traueraufgaben nach William Worden
Der US-Psychologe William Worden formuliert keine Phasen, sondern vier Aufgaben, die Trauernde im Laufe der Zeit bearbeiten:
- Den Verlust als Realität anerkennen.
- Den Schmerz der Trauer zulassen und verarbeiten.
- Sich an eine Welt ohne die verstorbene Person anpassen.
- Eine veränderte, innere Verbindung zur verstorbenen Person finden und weiterleben.
Dieses Modell sieht Trauer als aktiven Prozess. Die Aufgaben treten nicht streng nacheinander auf, sondern überlappen sich.
Das Dual-Prozess-Modell nach Stroebe und Schut
Das heute in der Trauerforschung am meisten anerkannte Modell stammt aus dem Jahr 1999. Margaret Stroebe und Henk Schut beschreiben Trauer als ständiges Pendeln zwischen zwei Polen:
- Verlustorientierung — sich der Trauer zuwenden, an die verstorbene Person erinnern, weinen, Gefühle zulassen.
- Wiederherstellungsorientierung — den Alltag neu sortieren, Aufgaben übernehmen, neue Routinen aufbauen, bewusst Pausen von der Trauer haben.
Gesundes Trauern bedeutet, zwischen beiden Polen wechseln zu dürfen. Wer dauerhaft in der Verlustorientierung bleibt, erschöpft sich. Wer dauerhaft in der Wiederherstellung bleibt, vermeidet die Trauer. Das Pendeln zwischen beiden Seiten ist die eigentliche Bewältigung.
Wie lange dauern die Phasen der Trauer?
Eine pauschale Dauer gibt es nicht. Die Trauerforschung liefert aber Anhaltspunkte, an denen Sie sich orientieren können:
- Die akute Phase mit Schock und Leugnen dauert typischerweise wenige Tage bis Wochen.
- Die intensivste Trauerphase — bei vielen die Depression — liegt häufig zwischen sechs und zwölf Monaten.
- Eine spürbare Anpassung an das Leben ohne die verstorbene Person braucht in der Regel ein bis zwei Jahre.
- Trauer ist auch danach nicht „vorbei". Sie verändert sich und kommt in Wellen wieder — besonders an Jahrestagen, Geburtstagen und Feiertagen.
Wie lange Sie persönlich brauchen, hängt von vielen Faktoren ab: der Beziehung zur verstorbenen Person, der Art des Todes, Ihrem sozialen Umfeld und eigenen Vorerfahrungen. Jede Trauer hat ihr eigenes Tempo, und das ist in Ordnung.
Wenn Trauer nicht weicht — die anhaltende Trauerstörung
Bei einem kleinen Teil der Trauernden entwickelt sich aus normaler Trauer eine sogenannte anhaltende Trauerstörung (Prolonged Grief Disorder). Seit der ICD-11 ist sie als eigenes Krankheitsbild anerkannt — ein wichtiger Schritt, weil Betroffene damit Anspruch auf Behandlung haben.
Typische Anzeichen sind: starke Sehnsucht oder anhaltender Schmerz über mindestens sechs Monate hinaus, das Gefühl, ohne die verstorbene Person nicht weiterleben zu können, anhaltende emotionale Taubheit oder ein Verlust des Lebenssinns.
Wenn Sie sich darin wiedererkennen, ist das kein Versagen. Sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt, mit psychotherapeutischen Fachkräften oder einer spezialisierten Trauerberatung. Wir bei Memovida bieten selbst keine Therapie an — wir verweisen Hinterbliebene aber gern an passende Ansprechpartner:innen.
Was Ihnen durch die Trauer helfen kann
Es gibt keine Methode, die für alle funktioniert. Es gibt aber Hinweise aus der Trauerforschung und aus jahrzehntelanger Praxis von Trauerbegleitenden, die vielen helfen.
Selbstfürsorge im Alltag
Erlauben Sie sich Gefühle, ohne sie zu bewerten. Achten Sie auf Schlaf, Essen und Bewegung, auch wenn beides anfangs schwerfällt. Behalten Sie kleine Routinen bei — sie geben Halt, wenn alles andere unsicher ist.
Manche Menschen finden Zugang über das Schreiben. Mehr dazu in unserem Beitrag über kreatives Schreiben auf dem Trauerweg. Andere brauchen Stille, Spaziergänge oder Musik. Was Sie wählen, ist eine persönliche Frage — wichtig ist, dass Sie etwas finden, das Ihnen Pausen schenkt.
Rituale und Erinnerung
Rituale geben der Trauer eine Form. Eine bewusst gestaltete Trauerfeier hilft, einen klaren Übergang zu erleben — wie Sie eine solche Trauerfeier planen und gestalten, haben wir in einem eigenen Ratgeber zusammengefasst.
Auch kleinere Rituale tragen: eine Kerze entzünden, jedes Jahr am gleichen Tag an einen besonderen Ort gehen, ein Erinnerungsalbum führen oder bewusst Trauermusik hören, die Halt gibt. Erinnerung ist kein Festhalten — sie ist eine Form, die verstorbene Person bei sich zu behalten, ohne im Schmerz stehen zu bleiben.
Unterstützung von außen annehmen
Trauer braucht Resonanz — Menschen, die zuhören, ohne sofort Lösungen anzubieten. Das können Freunde, Familienmitglieder, eine Selbsthilfegruppe oder eine ausgebildete Trauerbegleitung sein.
Wenn Sie merken, dass Sie sich nur noch isolieren, dass Schlaf und Appetit über Wochen nicht zurückkehren oder dass Sie die Lust am Leben verlieren, ist das ein deutliches Signal. Frühzeitige Hilfe verkürzt keine Trauer — sie macht sie tragbarer.
Trauernde Angehörige begleiten
Wenn jemand in Ihrem Umfeld trauert, ist Anwesenheit oft wichtiger als die richtigen Worte. Hören Sie zu. Bieten Sie konkrete Hilfe an — Einkauf, Kochen, Begleitung zu Terminen. Floskeln wie „Zeit heilt alle Wunden" oder „Er ist jetzt an einem besseren Ort" wirken trotz guter Absicht häufig abwertend.
Drängen Sie niemanden zur „Normalität". Jeder Mensch trauert in seinem eigenen Tempo — Ihre Geduld ist eine Form von Trost.
Bei Memovida — wir begleiten Sie durch alle Phasen
Trauer beginnt nicht erst nach der Beisetzung. Sie ist oft schon vor dem Tod spürbar — und sie bleibt lange danach. Wir bei Memovida verstehen unsere Arbeit nicht nur als Organisation der Bestattung, sondern als individuelle Begleitung in einer Zeit, die für Sie einmalig und schwer ist.
Wir nehmen uns Zeit für Ihre Fragen, gestalten die Trauerfeier mit Ihnen so persönlich, wie es zu Ihrem geliebten Menschen passt, und geben Orientierung dort, wo der Verstand gerade keine findet. Wer einen Sterbefall absehbar weiß oder vorausschauend planen möchte, kann mit einer Bestattungsvorsorge zu Lebzeiten Angehörige emotional und finanziell deutlich entlasten.













